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Was feiern wir heute eigentlich? Den Bundesbrief oder die Schweiz?

Freitag, 1. August 2008 42.716 mal angesehen 5 Kommentare

Da viele Politiker, darunter einige Bundesräte, heute davon plaudern was sie unter Demokratie und Opposition verstehen, sollte man wieder einmal daran erinnern, dass wir heute nicht die Regierungsform unseres Landes sondern unseren Staat bzw. das Bestehen der Eidgenossenschaft, welche in ihrer Urform bereits seit Anfang August 1291 besteht, feiern.

Zur Erinnerung:
Der Bundessstaat Schweiz wurde erst nach dem 27 Tage dauernden Sonderbundskrieg, welcher vom 3.11.1847 bis zum 29.11.1847 stattfand, gegründet. Im Sonderbundskrieg gewannen die liberalen und fortschrittlichen (mehrheitlich protestantischen) Kräfte gegen die katholisch-konservativen Kräfte und ebneten so den Weg für einen modernen Bundesstaat Schweiz wie er heute noch existiert.

Parteien des Sonderbundskriegs:

Liberale Kantone: Aargau, Appenzell-Ausserhoden, Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Bern, Genf, Glarus, Graubünden, Schaffhausen, St. Gallen, Solothurn, Thurgau, Tessin, Waadt, Zürich
Katholisch-konservative Sonderbunds-Kantone: Luzern, Uri, Schwyz, Obwalden, Nidwalden, Zug, Freiburg, Wallis (sie riefen Österreich um Hilfe gegen die liberalen Kantone und wollten den Bundesstaat mit österreichischen Truppen verhindern!)
Neutrale Kantone (nicht am Krieg beteiligt): Appenzell-Innerhoden, Neuenburg

Angesichts der Entstehungsgeschichte unseres Bundesstaates wundere ich mich darüber, dass man heute ausgerechnet das Rütli in der Innerschweiz zum nationalen Heiligtum erkohren hat. Liegt doch das Rütli im ehemaligen Gebiet der Sonderbundskantone, die gegen eine Schweiz wie sie heute existiert gekämpft haben und dabei sogar Österreich um Hilfe baten um den heutigen Bundesstaat zu verhindern!

Sicherlich, das Rütli ist ein Symbol des Widerstands gegen fremde Obrigkeiten, ist es doch der Überlieferung nach der Ort, an welchem die Ur-Eidgenossen ihre Absicht nach Eigenständigkeit bekundeten und sich gegenseitige Hilfe gegen äussere Feinde zusicherten. Doch damit lässt sich eigentlich nur die Eidgenossenschaft bzw. der Wille nach Eigenständigkeit feiern. Mit der Gründung der heutigen Schweiz hat dies letztlich jedoch nicht viel zu tun. Wir feiern heute nämlich weder den Rütlischwur noch den Bundesbrief vom August 1291 sondern den Bundessstaat Schweiz, welcher seit der Inkrafttretung der 1. Eidgenössischen Bundesverfassung am 12. September 1848 existiert.

Eigentlich sollten wir gesundes Selbstbewusstsein demonstrieren indem wir den 12. September zum Nationalfeiertag ernennen. Dann wüssten die Leute wenigstens wann unser Bundesstaat, den wir heute feiern gegründet wurde. Geburtstag und Nationalfeiertag wären dann am gleichen Tag.

5 Kommentare »

  • Michael Jäger schrieb:
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    Und wenn wir schon dabei sind, sollten wie auch gleich den Ursupatoren der Volkspartei die Markenrechte am Schweizerkreuz abnehmen und der FDP übertragen, die den gesamten ersten Bundesrat gestellt und die moderne Schweiz gegründet hat. Wenn man historisch korrekt sein will, dann aber richtig.

  • Alexander Müller (Autor) schrieb:
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    Michael, die heutigen Freisinnigen haben mit den Gründervätern unseres Landes nicht mehr viel gemeinsam. Die heutigen FDP’ler sind (von wenigen Ausnahmen, die ich schätze abgesehen) mit den Sozialisten der Mitte (jenen, die von der sozialen Marktwirtschaft geplaudert haben) vergleichbar. Sie sind nicht mehr liberal, wollen die Demokratie abschaffen (auch wenn sie etwas anderes behaupten), scheuen den Bückling vor der EU nicht, obschon diese alles andere als demokratisch ist und sind alles andere als staatstragend. Sie sind nur noch Opportunisten, die allein dem Machterhalt wegen einmal mit den Linken und einmal mit den Rechten paktieren. Kein Wunder verliert ihr Wähler. Als protestantischer St. Galler und Betriebswirtschafter müsste ich eigentlich FDP’ler sein, aber bei so einer Wischiwaschipartei, die nur noch vom Ruf der Gründerzeit lebt, möchte ich nicht Mitglied sein. Da bin ich lieber in der bodenständigeren SVP auch wenn ich da und dort z.B. bei der Drogenpolitik einen liberaleren Standpunkt vertrete, weil ich dort konkret eben finde, dass man erwachsenen Menschen nur dann etwas verbieten darf, wenn man damit die Rechte anderer schützt bzw. es der allgemeinen Sicherheit dient. Sprich Drogenkonsum soll man nicht verbieten, aber z.B. Autofahren im betrunkenen Zustand (über 0,8 Promille! …0,5 ist zu tief) hingegen schon usw.

    Nur so zur Erinnerung: Der Gründervater der AUNS war ein FDP’ler und zwar der ehemalige Nationalrat Dr. Otto Fischer! Was haben Otto Fischer und Christa Markwalder (FDP’lerin und Präsidentin der „Neuen Europäischen Bewegung Schweiz“) noch miteinander gemeinsam???

  • RAFF schrieb:
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    Ist der Gründervater unseres Landes nicht eher Napoléon Bonaparte? Vorher herrschte doch herzlich wenig Demokratie in unserem Lande …

  • Alexander Müller (Autor) schrieb:
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    Machst du Witze? Meinst du den französischen General, der sich zum Kaiser hat krönen lassen und halb Europa in Schutt und Asche gelegt hat ehe ein Grossteil seiner Armee in Russland erfrohren ist?

    Schon mal etwas von Nationalisten und Liberalen gehört? 1830er Unruhen (Napoleon I. starb 1821) die fast ganz Europa erschütterten ein Begriff? Schon mal etwas vom Sonderbundskrieg 1847 gehört? Die Liberalen wollten einen Bundesstaat. Die Konservativen wollten am Staatenbund und den Tagsatzungen festhalten. Irgendwie mitbekommen, dass die Liberalen (meist Reformierte bzw. Protestanten) die Konservativen (meist Katholiken) besiegt haben? Es war übrigens einer der humansten Kriege. General Dufour, der Anführer der Armee der Liberalen war ein Freund von Henry Dunant und Mitbegründer des Roten Kreuzes. Damals waren die Liberalen noch etwas. Es ging Jahrzehnte bis die Unterlegenen des Sonderbundskriegs, die CVP’ler (Katholiken) im neuen Bundesstaat etwas zu sagen hatten und einen Bundesrat stellen durften. Dann kamen die Sozis und die FDP’ler und CVP’ler wurden immer linker…da wurde es Zeit, dass ein Gegengewicht zur Rettung des Vaterlandes geschaffen wurde..die Bauern-Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB…heute SVP). Ohne BGB wäre unser Land womöglich noch an die Kommunisten und Sozialdemokraten verloren gegangen. Okay, da tue ich den FDP’lern und auch ein paar CVP’lern jetzt etwas unrecht…den grossen Sündenfall begangen diese, soweit ich das mitbekommen habe, erst in den 1980er Jahren und dann vorallem in den 1990er Jahren. Die FDP hat sich von einer rechtsbürgerlichen liberalen Wirtschaftspartei (Dr. Otto Fischer, AUNS) zu einer unglaubwürdigen linksliberalen und wirtschaftsfeindlichen Wischiwaschipartei (Christa Markwalder, NEBS) gewandelt. Die linke Basis der FDP unterstütz ja noch nicht einmal mehr die Volksinitiativen ihrer eigenen Parteileitung. Siehe Initiative zum Verbandsbeschwerderecht.

  • RAFF schrieb:
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    Ja genau, dieser französische Kaiser, der die Binnengrenzen in der Schweiz abgeschafft hat und den Franken als Einheitswährung einführte. Klar seine Vorstellung, den Geist der Französischen Revolution mit Gewalt in ganz Europa einzuführen, war nicht toll. Aber die Bundesverfassung von 1848 ist klar das Resultat der Französischen Revolution. Unsere Nachbarstaaten waren ja damals auch nicht sehr darüber erfreut, dass die Schweiz so eine Bundesverfassung verabschiedet.
    Jedenfalls, mit der Eidgenossenschaft von 1291, hat unser Land nicht mehr sehr viel zu tun. Genauso wenig wie Italien mit dem Römischen Reich.